Rhythmisches, strenger und freier

Paul Klee (Maler)

Werkdetails


Werkbeschreibung von

Farbfelder bestimmen viele Werke Klees. Hier sind sie in den beiden unteren Reihen von etwa gleicher Größe und wie Mauersteine gegeneinander versetzt. Ab der dritten Reihe werden die Felder unregelmäßiger, die Farbfolge wird durchbrochen. Klee taufte viele seiner Werke nach ihrer Fertigstellung mit musikalischen Termini, die aber nicht automatisch Rückschlüsse auf die Intention des Künstlers zulassen. Der komplexe Begriff des Rhythmus, der seinerzeit von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen intensiv diskutiert wurde, nahm in Klees Kunsttheorie jedoch zentrale Position ein, wobei sich seine Auffassung davon im Lauf der Jahre wandelte.[1] Rhythmus weist außerdem nicht nur in die Musik, sondern auch unter anderem auch in die Biologie, wo er auf Wachstumsprozesse in der Natur bezogen ist, die wiederum in Klees organologischem Werkbegriff Bedeutung erlangten. Auch in der Einfühlungsästhetik, die ästhetischen Genuss über die Einfühlung des Rezipienten in einen sinnlichen Gegenstand bestimmt, kam dem Rhythmus als Grundprinzip des Lebens eine wichtige Rolle zu. Ausgehend von einfachen Liniengittern aus Horizontalen und Vertikalen hielt Klee am Bauhaus Vorlesungen über Rhythmus und verband diesen mit dem fakturalen Malprozess, der sich in Rhythmisches deutlich zu erkennen gibt, zum facturalen Rhythmus. Klee berief sich in seinen Überlegungen auf Ideen des Chirurgen Theodor Billroth, für den Rhythmus von mehreren Sinnen wahrgenommen wird. In seinen kunstpädagogischen Vorlesungsskripten notierte Klee: Wir können den Rhythmus mit drei Sinnen zugleich wahrnehmen: 1) ihn hören 2) sehen 3) in unseren Muskeln fühlen, das gibt seine Wirkung auf unsern ganzen Organismus die Macht (Billroth).[2] Als Beispiel für das Zusammenspiel von fakturalem Malprozess und Rhythmus dienten Klee die Gesänge von Bauarbeitern: Ein facturaler Rhythmus der dahin gehört aber schließlich als solcher keine Spur hinterlässt ist der anfeuernde Gesang bei Bauarbeiten (mehr in primitiven Gegenden üblich).[3] – Von hier führt die Assoziation zu den gemauerten unteren Reihen des Bildes zurück.

Alle Fußnoten

[1] Siehe hierzu ausführlich Wolfgang Kersten, Das Problem »Rhythmus« bei Paul Klee, in: Barbara Naumann (Hg.), Rhythmus. Spuren eines Wechselspiels in Künsten und Wissenschaften, Würzburg 2005, S. 243–259.

[2] Klee (1927/1928), PN 5, IV/20, zit. nach Kersten 2005, S. 257.

[3] Klee (1927/28), PN 5, IV/53a, zit. nach Kersten 2005, S. 257.

siehe auch


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Städtische Galerie im Lenbachhaus, München © VBK, Wien, 2010